Digitalisierung in Deutschland – Wo stehen wir?

Eine Bestandsaufnahme

von Lena Weißkopf

07. Juli 2020   •   Lesedauer: 4 Minuten

Tim Höttges ist seit sechs Jahren CEO der Telekom. Ihm zufolge sieht sich die Telekom selbst als den Digitalisierer Deutschlands. Zuletzt sorgte die Telekom AG mit der möglichen Fusionierung ihrer Tochtergesellschaft T-Mobile US mit dem US-amerikanischen Konkurrenten Sprint für Schlagzeilen. Im Februar dieses Jahres gab Höttges dem Journalisten und Medienmanager Gabor Steingart in einem Interview ein präzises und einprägsames Update über den Stand der Digitalisierung in Deutschland. Dieses Interview bildet die Grundlage für diesen Beitrag. Veröffentlicht wurde es in Steingarts Podcast “Steingarts Morning Briefing”.

Beschleunigung. So würde Tim Höttges dieses Jahrhundert beschreiben, wenn er nur ein einziges Wort verwenden dürfte. Mit einer recht simplen und einleuchtenden Begründung. Beschleunigung infolge des enormen Fortschritts in allen Bereichen der Gesellschaft und Wirtschaft. Im Mittelpunkt des Ganzen: die Digitalisierung. Der Faktor für Entwicklung und Fortschritt. Nur wie sieht es mit der Digitalisierung in Deutschland aus? Ein einfacher Vergleich schafft eine klare Antwort. Ein Fußballspiel hat zwei Halbzeiten. Die erste Halbzeit des neuen Zeitalters der Digitalisierung? Hat Deutschland bereits verloren. Die erste Halbzeit gehörte den Social Media und Consumer Platforms: Google, Facebook und Amazon, um nur mal einige der Big Player zu nennen. Ihre Gemeinsamkeit? Alle haben ihren Sitz nicht in Europa. Es gibt wenige vergleichbare und ebenso erfolgreiche Unternehmen in Europa, geschweige denn in Deutschland. Die Halbzeitpause hätte genutzt werden können, um zu analysieren, sich die Lage zu verdeutlichen und Ideen zu kreieren, um mit neuen Innovationen in die zweite Halbzeit zu starten. Und genau in dieser befindet sich die Welt gerade. 

„Was fehlt ist der Wille uns zu innovieren“

Nun, hat sich etwas geändert? Wurden aus der ersten Halbzeit wichtige Lehren gezogen? Zur Klarstellung: die Anforderungen sind bereits andere. Der Schlüssel, um die zweite Halbzeit gewinnen zu können, heißt Big Data. Es geht um die Sammlung, Verarbeitung und Speicherung gigantischer Datenmengen. Dies erfolgt mittels sogenannter Hyper Scaler, Speichersystemen, die sich aus Netzwerken tausender Server zusammensetzen und die sich, wie nicht anders zu erwarten, ebenfalls in den USA und Asien, aber eben nicht in Europa befinden. Und somit lautet die Antwort erneut: Nein. Vermutlich hat man nichts gelernt. So ist zu befürchten, dass auch die zweite Halbzeit verloren gehen wird. Höttges identifiziert den aus seiner Sicht für das Dilemma Verantwortlichen schnell: Unsere Gesellschaft. Sie habe Berührungsängste was das Thema Daten betrifft. Sie akzeptiere diese nicht, als das was sie mittlerweile sind: eine neue Währungsform. Aus Angst vor der Überwachung und Kontrolle, die eine Herausgabe unserer kostbaren Daten mit sich bringen könnte, wird der eigentliche Wert verkannt. Wir befinden uns bereits im Abstieg, diagnostiziert Höttges. Ein bezeichnendes Statement. 

Ist eine Kurskorrektur noch möglich? Es gibt vielen Faktoren, die ursächlich für unsere schlechte Position zu sein scheinen. Unter anderem das altbekannte Problem: eine schlechte Infrastruktur, was insbesondere das Mobilfunknetz betrifft. Schwerpunkt sollte nun der Blick in die Zukunft sein, um ein mögliches Szenario der “Zweitklassigkeit“ in der Digitalisierung zu vermeiden. Damit unsere und die kommende Generation wieder mitspielen kann. Dass vielleicht sogar die Möglichkeit eröffnet wird, einen deutschen oder europäischen Big Player der Digitalisierung zu schaffen. 

Es bleibt vor allem eine Frage offen: Ist Deutschland bereit seine gesellschaftliche DNA so zu verändern, dass die Digitalisierung in naher Zukunft ein Teil von ihr sein wird? Es bleibt zu hoffen. Denn nur so kann das Spiel um die Vormachtstellung in der Digitalisierung, vielleicht noch in der Verlängerung gewonnen werden.

 

Fazit: 

Für mich war das Interview wie eine kalte Dusche, unangenehm. Vor allem hat es mich aber wachgerüttelt. Ist unsere Gesellschaft so spät dran? Ich konnte und wollte das so nicht hinnehmen. Digitalisierung war für mich immer schwer zu greifen und ein sehr komplexes Thema. Wenn sich meine Freunde über die neuesten Produkte und Spielereien von Apple ausgetauscht oder Kommilitonen über Themen wie Coding oder Webdevelopment sprachen, habe ich nach fünf Minuten genervt abgeschaltet. Doch die Digitalisierung ist viel größer als nur die neusten technischen Endgeräte oder die Fähigkeit zu Programmieren. Sie beschreibt den Fortschritt und beinhaltet unglaublich viele, teilweise schwer vorstellbare Möglichkeiten. Angefangen mit Apps und Programmen, die das Lernen für die Uni einfacher gestalten, bis hin zu Legal Tech Applikationen, die die einfache Geltendmachung von Ansprüchen ermöglichen. Die Digitalisierung birgt das Potenzial, Transparenz zu schaffen, Wissen einer breiteren Masse zugänglich zu machen und vielen Menschen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Als ein Kommilitone mir von der Idee eines Legal Tech Vereins erzählte, wollte ich sofort daran mitwirken. Aus einem einfachen Grund: der Reiz, mich mit etwas Neuem auseinanderzusetzen. Wie kann man die Vorteile der Digitalisierung nutzen, um den Alltag und vor allem das Studium zu optimieren? Sich besser auf den späteren Beruf vorzubereiten? Und das erst recht, wenn die Politik und auch die meisten Universitäten es nicht schaffen, das Potential im digitalen Lernen und die Wichtigkeit für das berufliche Leben zu erkennen. Dann muss es die Aufgabe von uns, der nächsten Generation sein, genau dies in den Fokus zu rücken. 

Es ist noch nicht zu spät sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung auseinanderzusetzen. In meinen Augen kann Deutschland es schaffen, im Rennen, um die neusten Technologien noch aufzuholen. Die Gesellschaft muss sich dafür den neuen Möglichkeiten gegenüber öffnen und lernen, die Digitalisierung besser zu verstehen.